Lokale Topografien des religiösen Lebens
Einführung
Sie heißen "mitten in der Stadt", "Sehnsucht nach Heil" oder "Atlas der christlichen Glaubensgemeinschaften" - Analysen über religiöse Vielfalt vor Ort, in einer Stadt oder einer Region. Solche lokalen Topografien des religiösen Lebens haben seit Mitte der 90er Jahre Konjunktur im deutschsprachigem Raum.
Die Gründe für dieses gestiegene Interesse an der Wahrnehmung von Religionen vor Ort sind vielfältig. Die multikulturelle Gesellschaft vor allem in Städten führt dazu, dass zunehmend auch die Glaubensgemeinschaften aus anderen Kulturen in der Öffentlichkeit auftreten. Auffälligste Beispiel der letzten Zeit waren die Eröffnung des Hindu-Tempels in Hamm, der "Tag der offenen Moschee" jeweils am 3.Oktober, der anglo-amerikanisch angehauchte "Marsch für Jesus" in Berlin oder traditionelle Karfreitagsprozessionen von katholischen Italienern in mehreren deutschen Städten.
Hinzu kommt dass durch die charismatische Bewegung vermehrt freie christliche Gemeinden neben den großen Kirchen entstanden sind. Bei gleichzeitigem Mitgliederschwund der großen Kirchen scheint in der Öffentlichkeit dass Bewusstsein zu entstehen, dass Religion nicht nur in den Mauern christlicher Kirchen stattfindet und dass andere Religionsgemeinschaften nicht gleich nur als Sekten zu diffamieren sind. So wächst das Interesse an gelebter Religion und der auch der Bedarf an Informationen und Einordnung dieser verschiedenen Gemeinschaften nimmt zu.
Definition und Kategorisierung
Auf diesem Hintergrund entstanden lokale Religionstopografien. Eine genaue Definition für diese Gattung ist schwierig, da sich die einzelnen Projekte in Form, Methodik und Zielsetzung sehr unterscheiden. Eine lokale Religionstopografie ist eine möglichst vollständige Auflistung aller religiöser Gemeinschaften aus einem lokal begrenzten Raum (meist eine Stadt) mit knapper Darstellung von Geschichte, Lehre und lokalen Besonderheiten der jeweiligen Gemeinschaft. Die Erhebung der notwendigen Daten geschieht dabei in Kooperation mit den Gemeinschaften vor Ort.
Solche Religionstopografien existieren zur Zeit oder sind im Entstehen an mindestens 19 Orte und Regionen im deutschsprachigen Raum. Diese Projekte kann man in verschiedenen Kategorien systematisch unterscheiden:
- Initiatoren / Verfasser: Entweder entsteht die Untersuchung auf Initiative von evangelischen oder religionswissenschaftlichen Fachbereichen und Fakultäten an Universitäten (z.B.: Ruhrgebiet) oder aber auf Anregung aus Arbeitskreisen von am Religionsdialog Interessierten (z.B.: Nürnberg).
- Ausführung der einzelnen Artikel: Selbstdarstellungen (z.B.: Halle) oder Fremddarstellungen (z.B.: Essen)
- Wissenschaftliche Methodik: rein deskriptiv (z.B.: Bremen) oder einordnend, wertend von einem Standpunkt aus (z.B.: Erlangen)
- Erhebungsmethode: Quantitativ nur mit Fragebogen und Materialsammlung (z.B.: Marburg) oder Qualitativ mit Hilfe von Interviews, Besuchen, Gesprächen und eingeschränktem Dialog (z.B.: Wuppertal)
Ähnlichkeiten haben alle Projekte im Aufbau der einzelnen Artikel über die Religionsgemeinschaften:
Geschichte, Lehre, lokale Besonderheiten. Oft kommen auch noch aussagekräftiger Text der Gemeinschaft und Adressen hinzu. Die Grobgliederung der einzelnen Gruppen findet fast immer nach Glaubensrichtungen statt.
Probleme
Bei der konkreten Umsetzung eines solchen Projektes stoßen die Macher auf verschiedene Probleme. Zum einen die geografische Probleme. Auf welche sinnvolle geografische Einheit bezieht sich die Untersuchung. Hier haben speziell die Projekte in Köln/Bonn und im Ruhrgebiet ihre Schwierigkeiten. Dabei stellt sich die Frage wann zählt eine Gemeinschaft als vor Ort vorkommend? Reicht es wenn Gläubige vor Ort wohnen oder muss sie konkret Räume nutzen oder sogar Gottesdienste feiern?
Zum anderen stellen sich religionswissenschaftliche Fragen. Welche Art von religiösem Leben soll und kann untersucht werden? Nur institutionelle religiöse Gemeinschaften oder auch der freie Markt der esoterischen Vielfalt? Hinzu kommt, dass nicht alle Gemeinschaften bereit sind an solchen überreligiösen Aktivitäten mitzuarbeiten. Oft sind das die Zeugen Jehovas und evangelikale Brüdergemeinden.